Philip Jörg

Um einen Einblick in die Sicht der Wissenschaft zu bekommen, haben wir uns mit Dr. sc. nat. Philip Jörg getroffen. Er hat uns spannende Sachen erzählt über die Vermessung der Gletscher und die Wissenschaftskommunikation. Als er 1995 das erste Mal auf dem Morteratschgletscher war, war dieser noch gut einen Kilometer länger als heute.

Ein Ausschnitt aus dem Interview mit Philip Jörg:

Was finden Sie beeindruckend oder einzigartig am Morteratschgletscher?

Philip Jörg: Ich kenne den Morteratschgletscher persönlich seit 1995, da war ich zum ersten Mal auf dem Gletscher. Wir sind dann von der Diavolezza heruntergewandert auf die Isla Persa und von da den Gletscher hinab und dann dem Weg entlang bis nach Morteratsch. Dazumal schon säumten den Weg Tafeln. Das war beeindruckend. Der Morteratschgletscher ist flächenmässig einer der grössten Gletscher der Schweiz. Ein klassischer Gletscher, er hatte eine schöne Zunge. Jetzt ist diese langsam am zerfallen, sie bricht auseinander und es kann sein, dass sich Inseln bilden, welche dann durchschmelzen, dann gibt es Toteis das sich nicht mehr bewegt. Der Findelgletscher ist von der Grösse her vergleichbar. Beim Morteratsch hat man schon früh begonnen, mit diesen Tafeln eine Art Wissenschaftskommunikation zu machen. Um zu zeigen wie weit die Gletscherzunge vorne gewesen ist und man sieht dann gleich wie die Landschaft rundum aussieht. Man weiss vor 50 Jahren war die Zunge hier und jetzt hat es schon eine primäre Vegetation. Man sieht schon irgendwelche Gräser, Moose oder Büsche. Das finde ich bezeichnend für den Morteratsch, er ist ein schönes Schaubeispiel. Die Gletscher zeigen uns den Klimawandel. Es sind eine Art Fiebermesser für unseren Planeten.

 

Welche Messmethoden würden Sie bevorzugen bei der Dokumentation des Gletschers?

Philip Jörg: Ich denke heutzutage spielt die Messmethode keine grosse Rolle mehr. Klar das Präziseste ist sicher immer noch der LiDAR, aber immer noch relativ aufwändig und teuer. Die Luftbilder, welche wir fliegen sind auch sehr gut geeignet, da sie präzise sind.  Wenn wir spezielle Gletscherflüge machen, dann arbeiten wir mit Passpunkten, dann wird die Genauigkeit schnell erhöht. Egal ob mit dem Flieger oder dem Helikopter oder einer Drohne, es kommt darauf an, was man will. Und auch was es kosten darf und wie spontan man gehen kann und wie das Wetter sein darf. Mit einer Drohne kann man auch unter den Wolken fliegen mit dem Flieger kannst du das vergessen. Ich würde sagen von der Präzision her: erst LiDAR, dann Flugzeug und dann mit der Drohne. Mit dem Flugzeug kann man grössere Flächen messen und den ganzen Gletscher berechnen, was man braucht, um eine Massenbilanz zu erstellen.

 

Dieser Sommer war klimatisch speziell, viel Regen und wenig Sonnenschein. Wie wirkt sich der Sommer 21 auf den Gletscher aus?

Philip Jörg: Wie es beim Morteratsch diesen Sommer war, weiss ich nicht aber bei den Gletschern im Süden vom Wallis, wie dem Findelgletscher, war es etwa gleich wie in anderen Jahren. Der Schnee ist zwar lange liegen geblieben, aber im September, Oktober ist vieles wieder geschmolzen. Ich glaube da ist die Massenbilanz immer etwa ähnlich negativ gewesen. Die Gletscher schmelzen im Moment stark, denn sie sind völlig aus dem Gleichgewicht. Das bedeutet: Auch wenn die Temperatur jetzt immer gleichbleiben würde, würden die Gletscher noch jahrelang schmelzen, denn sie sind immer noch weit entfernt von einem Gleichgewichtszustand. Auch ohne Erderwärumung, würden sie sich noch immer stark zurückziehen. Diesen Sommer hat es tatsächlich viel Niederschlag gegeben und in den Bergen auch Schnee, zum Teil lag Rekordmengen davon auf den Gletschern. Ich würde sagen, es war für die Gletscher kein schlimmer Sommer, trotzdem wird die Massenbilanz für das Jahr 2021 negativ ausfallen.

Was sind Ihrer Meinung nach, die kurzfristigne und langfristigen Folgen vom Gletscherschwund?

Philip Jörg: Der Gletscherschwund hat nicht nur negative Effekte. Im Moment ist es so, dass die Gletscher aus der Balance sind und dadurch stark schmelzen. Das heisst wir haben sehr viel Abfluss, welcher wir sonst nicht hätten. Ein Gletscher ist wie ein Wasserreservoir. Das Wasser wird mit einer Staumauer gesammelt. Das heisst wir haben mehr Wasser zur Verfügung, was wir turbinieren können. Wir produzieren im Moment überdurchschnittlich viel Strom, da die Gletscher überdurchschnittlich schnell schmelzen. Das hat auch seine gute Seite. Irgendwann werden die Gletscherflächen aber so klein sein, dass der Einfluss der Schmelze keine grosse Rolle mehr spielt. Wir sind im Moment fast bei einem Peak angekommen. Irgendwann haben wir den Peak erreicht und der Beitrag der Gletscher ist plötzlich viel geringer. Dann haben wir nur noch den Niederschlag, welchen wir sonst auch haben. Wenn der Gletscher sich zurückzieht, kommen neue Landschaften zum Vorschein, dass kann auch sehr attraktiv sein. Gletscherseen oder auch die Primärvegetation können sehr hübsch sein. Es sind plötzlich neue Orte zugänglich, das ist auch touristisch interessant. Auf den Gletscher getrauen sich nur wenige Touristen, zu Recht. Man könnte sich zudem überlegen, ob man die Gletscherseen zur Stromgewinnung stauen könnte. Wobei man da schnell in Konflikt mit dem Naturschutz kommt. Das sind Punkte welche auch positiv sein könnten.
Negativ ist, wie vorhin schon angesprochen, irgendwann ist der Peak der Gletscherschemelze erreicht und wir haben diese Speicher nicht mehr. Das ist etwas, was man nicht vergessen darf. Im Süden des Wallis im Monte Rosa Massivs liegt der Colle Gnifetti, das ist ein Sattel, welcher vergletschert ist. In dieser Region liegt das älteste Eis der Alpen. Dieses und anderes Eis ist auch ein Klimaarchiv. Wenn der Schnee fällt und gefroren wird, dann werden auch Einschlüsse mit Luft, Pollen, Sahara Staub oder atomare Partikel von Tschernobyl und so weiter gefroren. Beim Ziehen von Bohrkernen findet man das alles. Da sieht man wie das Klima vor 1’000 Jahren ausgesehen hat. Das ist ein sehr wertvolles Archiv, welches gefährdet ist. Es wird auch nicht mehr erneuert, wenn der ganze Schnee vom Winter im Sommer wieder schmilzt, haben wir von diesem Jahr keine Daten mehr. Andere Folgen vom Gletscherschwund, sind die Naturgefahren. Wenn Berghänge nicht mehr vom Gletscher stabilisiert werden, beginnen sie zu rutschen. Da ist plötzlich etwas weg was vorher gestützt hat, welches vorhin alles zusammengehalten hat. Wenn sich der Gletscher über eine Kannte zurückzieht und es sich ein See bildet, kann es zu Abbrüchen kommen, welche Flutwellen auslösen. Das Thema Naturgefahren ist sicher etwa was man im Auge behalten muss.

 

Welche Massnahmen kennt die Wissenschaft zur Erhaltung der Gletscher?

Philip Jörg: Holzschnitzel oder auch die weissen Planen. Diese kann man einfach wieder wegnehmen, als die Holzschnitzel. Aber die einzige Massnahme, welcher wirklich zur Erhaltung der Gletscher nützt ist das Klima zu schonen. Aber vieles wird sowieso verloren gehen, auch wenn wir sofort aufhören würden mit dem CO2 Ausstoss.

 

Sind sie optimistisch, wenn Sie in die Zukunft schauen?

Philip Jörg: Aus der Sicht der Wissenschaft gibt es eigentlich gar keine Meinung. Denn wir stellen nur fest. Man forscht an Ursachen oder was man lokal dagegen unternehmen kann. Eigentlich muss man das möglichst wertfrei anschauen. Gerade jene die es kommunizieren. Natürlich sind auch wir Wissenschaftler nur Menschen und die, die Gletscherforschung machen, das sind Naturliebhaber und das macht ihnen weh, wenn der Gletscher schmilzt Das sind gigantische Veränderungen jedes Jahr und dann kommt man zum wiederholten Male zu einem Gletscher und denkt sich: Mein Gott, wo führt das hin? Die Gletscher werden sich weiterhin extrem stark verändernd. Seit 1980 sind sie nie mehr wirklich vorgestossen in der Schweiz. Ich bedaure das, aber eigentlich kann nur die Politik mit einer entschiedenen Reaktion etwas an der Situation ändern. Das ist mein Fazit.

Links: Gletscher 1995, rechts Luftbild von 2020

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Philip Jörg bei einer Messung