Isabelle Gärtner-Roer

Die aktuelle Sicht auf die Gletscherlage, gab uns Dr. rer. nat. Isabelle Gärtner-Roer. Via Zoom erzählte Sie uns über ihre Arbeit. Wir bekamen neue, vielfätlige Einblicke in die Gletscherwelt und profitierten von ihren interesanten Aussagen. Sie war im Sommer 2021 zum lezten Mal auf dem Morteratsch. 

Ein Auschnitt aus dem Interview mit Isabelle Gärtner-Roer:

 

Was finden Sie beeindruckend oder einzigartig am Morteratsch?

Isabelle Gärtner-Roer: Das der Morteratsch so gut für Laien dokumentiert ist. Ich bin oft mit Journalisten unterwegs oder mit Studenten, die noch am Anfang stehen. Für solche Begehungen ist der Morteratsch einfach super. Im Vorfeld zum Gletscher ist dokumentiert, hier war der Gletscher im Jahr 2000, das macht es sehr anschaulich. Viele die den Gletscher vor ein paar Jahren gesehen haben und jetzt wieder sehen, die verstehen das, die sehen das. Auch dank dieser Infotafeln. Dann ist der Morteratsch sehr gut zugänglichkeit, man darf ja ziemlich weit ins Vorfeld gehen, dann sind da auch noch die Gefahrenhinweise, ich finde das gut dokumentiert. Plus die Möglichkeit, wenn man hoch auf die Bovalhütte geht, dass man von oben einen schönen Überblick über den Gletscher hat. Ich finde der Morteratsch eignet sich perfekt als ein Anschauungsbeispiel um Laien zu zeigen, hier verändert sich was. Das Engadin ist eine Touristenregion und viele Leute besuchen den Gletscher. Auch mit den Skiern, diesen Sommer war sogar irgendein Berglauf, ziemlich verrückt die sind da drüber gegangen, und auch die sehen die Veränderung. Im Moment ist der Zugang auf den Gletscher schwieriger. Früher konnte man easy mit den Skiern runter fahren heute ist das zum Teil nicht mehr möglich. Auch das finde ich eine wichtige Botschaft, so dass die Leute verstehen; mit der Veränderung wird es auch gefährlicher.

 

Dieser Sommer war klimatisch speziell, viel Regen und wenig Sonnenschein. Wie wirkt sich der Sommer 21 auf den Gletscher aus?

Isabelle Gärtner-Roer: Ja, die neuesten Daten findet ihr bei GLAMOS. Die Daten, für die 22 Schweizer Gletscher, für die Massenbilanzen gemessen wurden. 400 Millionen Tonnen sind dieses Jahr abgeschmolzen. Das ist schwer vorstellbar, es ist ein Prozent des verbleibenden Gletschervolumens. Es ist deutlich geringer als die letzten Jahre die solche Peaks hatten, aber es ist immer noch ein deutlicher Eisschwund. Man muss sich vor Augen führen, selbst wenn wir jetzt ein positives Jahr haben, das ändert nichts. Auch wenn wir jetzt plötzlich aufhören würden CO2 auszustossen und die Erde sich nicht weiter erwärmen würde, würde der Aletschgletscher trotzdem noch 6 km zurückgehen, allein als Reaktion auf das was wir jetzt schon an Erwärmung haben. Da muss man wieder die Reaktionszeit, die Verzögerung, mit einberechnen. Und 6 km sind verdammt viel. Also macht ein schlechter Sommer, für den Gletscher, nicht viel aus. Aber trotzdem man sieht, dass er dieses Jahr nicht so viel abgeschmolzen ist wie in den anderen Jahren.

 

Was sind Ihrer Meinung nach, die kurzfristigne und langfristigen Folgen vom Gletscherschwund?

Isabelle Gärtner-Roer: In der Schweiz würde ich sagen, sind wir auf der sicheren Seite. Also entscheidend ist der Wasserabfluss. Der Wasserhaushalt der zu grössten Teils im Sommer durch die Gletscher gespeist wird. Das heisst es wird in Zukunft verstärkt Krisen geben. Wenn wir global schauen, dann wird es vielleicht sogar Kriege geben um Wasser. Wir brauchen Wasser, für uns, für die Landwirtschaft oder für die Industrie. Wir leben in Breiten, in denen man genug Niederschlag bekommt, welche man in Staubecken sammeln kann. In den Alpen, dem Wasserschloss Europas, ist das nicht das Problem, aber global ist das ein ganz wichtiger Aspekt. Oder es kommt auf die Verteilung über das Jahr an, dass wir vielleicht saisonal eine Wasserknappheit haben aber insgesamt genug ist. Das sind wichtige Aspekte. Es kann zu starken Veränderungen in der Landschaft kommen, die dazu führen können, dass wir mehr Sediment haben, was dann zur Verfügung steht für einen Weitertransport. Ich denke da an Naturgefahren. Das ist noch ein Aspekt, der an manchen Orten eine Rolle spielen kann, je nachdem wo der Gletscher liegt. Aber ich würde sagen der Einfluss auf den Wasserhaushalt ist entscheidender. Es gibt schon Regionen, wo es schon Probleme gibt zum Beispiel im Wallis.

 

Welche Massnahmen kennt die Wissenschaft zur Erhaltung der Gletscher?

Isabelle Gärtner-Roer: Massive Veränderung unseres Konsumverhaltens, nicht nur Konsum, sondern auch die Produktion. Dann müssten wir rigoros den CO2 Ausstoss stoppen,  im Prinzip die Erwärmung stoppen und dann, selbst wenn wir das hinbekommen würden - ihr habt es vielleicht verfolgt die COP26 (Climate Change Conference 26) - passiert noch recht viel, bis die Gletscher darauf reagieren würden. Viel bleibt uns nicht. Das Projekt mit der Beschneiung des Morteratschs oder das Abdecken der Gletscher, das sind kleinräumige Versuche. Das macht lokal Sinn, also vor allem für Skipisten bei dem man die Verbindung von der Bergstation zur Skipiste erhalten will, dass man das baulich nicht ständig anpassen muss. Solche Sachen könnte man nie über einen ganzen Gletscher machen. Die anderen Massnahmen, die greifen alle nicht um unsere Gletscher zu retten.

 

Finden Sie Gletscherrettung wichtig im Allgemeinen oder einfach nice to have?

Isabelle Gärtner-Roer: Es ist ja nicht nur das. Wenn wir die Erwärmung stoppen können, dann sind es ja nicht nur die Gletscher die davon profitieren. Die Gletscher sind wichtige Indikatoren, um das zu vermitteln was passiert. Wenn wir die Erwärmung stoppen, dann fördern wir unsere Gesundheit, verhindern weiteres Absterben von Arten, es häng viel davon ab. Daher ist jede Aktivität wichtig, damit eine Änderung. Auf der anderen Seite wissen wir aus historischen Dokumenten und aus unseren Datierungen, dass die Gletscher in den Alpen schon immer Schwankungen gezeigt haben. Sie waren mal viel grösser, aber sie waren anscheinend auch mal so klein, oder noch kleiner als heute. Das heisst, auf einer langen Zeitskala kann man sagen: Ich mache mir keine Sorgen, sie werden irgendwann wieder vorstossen. Aber für unser Leben und für die nächste Generationen ist ein anderes Denken angesagt. Wir leben nicht in geologischen Zeiträumen, wo es um Millionen oder mehrere hunderttausende Jahre geht, sondern es betrifft uns jetzt. Und da ist es wichtig, nicht nur die Gletscher zu retten, sondern die Gletscher als Indikatoren zu nehmen, um zu vermeiden, dass wir unsere ganze Umwelt kaputt machen.

 

Sind Sie optimistisch, wenn Sie in die Zukunft schauen?

Isabelle Gärtner-Roer: Ich bin eher ein optimistischer Mensch. Ich nehme den Mittelweg: man muss realistisch sein. Mit dem was wir wissen ist klar, wir werden es nicht schaffen, viel zu verändern. Ich hoffe ein bisschen darauf, dass es auch technische Lösungen geben wird. Das wir weiterhin Mobilität haben können, vielleicht weiterhin sogar fliegen können aber dass sich unsere Flugzeuge verbessern, dass wir andere Treibstoffe haben. Es gibt anscheinend neueste Technologien die das CO2 aus der Atmosphäre nehmen können. Vielleicht können wir hoffen, dass es eine technische Revolution gibt, die uns dabei hilft und uns den Arsch rettet, um das so unflätig zu sagen. Ich will schon lieber optimistisch sein. Ich glaube das Gute ist, wenn wir uns solche Indikatoren wie Gletscher zu Nutze machen, die uns das auch anzeigen und uns früh warnen. Nicht einfach sagen: Ja ja, ist ja nur in den Bergen oben und dann ist es halt nicht mehr so schön weiss, im Winter ist es ja immer noch weiss solange wir Schnee haben. Mich stimmt das manchmal traurig, wenn ich sehe, wie schnell sich die Gletscherwelt verändert hat. Aber ich bin lieber eine Optimistin.

Links: Gletscher 2000, rechts Luftbild von 2020

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